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*Do - der Weg* oder: "the spirit of BUDO"

Traditioneller Weise wird Do (chin. Tao) mit "der Weg" wiedergegeben, wir können es aber, wie in der "modernen" Sinologie auch, als eigenständigen Begriff und als unübersetzbar gebrauchen, da die Inhalte für dieses Wort zu umfassend sind. "Ich kenne seinen Namen nicht, darum nenne ich es Tao", sagte angeblich einst Laotse.

Mit Tao können wir, sowie auch in der taoistischen chinesischen Philosophie beschrieben, ein ewiges Wirk- und/oder Schöpfungsprinzip bezeichnen, das für den Ursprung der Einheit (1) und der Polarität (2) und damit für die Entstehung der Welt (3) verantwortlich ist. Aus dem Tao entstehen die Polaritäten wie Yin (weiblich) und Yang (männlich) und dadurch die Gegensätze, aus deren Zusammenspiel sich Wandel, "ständige Bewegung" und gegenseitige Durchdringung und dadurch die Welt ergibt. So ist "Leben" erst möglich. Tao ist allumfassend und meint sowohl die dualistischen Bereiche der materiellen Welt, als auch die Transzendenten jenseits der Dualität. Das Tao ist sowohl ein Prinzip der Immanenz als auch der Transzendenz. Es stellt den höchsten Seinszustand dar. In seiner transzendenten Funktion, als undifferenzierte Leere (Nichts/Alles), ist es die Mutter des Kosmos, als immanentes Prinzip das, was alles durchdringt. Gemäß Laotse bringt das Tao die Einheit hervor, die Einheit bringt die Zweiheit hervor, diese die Drei und diese die manifestierte Welt aller Dinge.

Das deutet darauf hin, dass das Tao die Potentialität, der allem zu Grunde liegende Schöpfergeist ist, denn es ist mehr als die Einheit. Gleichzeitig steht es für die Kraft, die den ganzen Schöpfungsprozess und die Schöpfung durchzieht. Da das Tao alles umfasst, auch die Gegensätze von Leere und Dasein, ist es in intellektuellen Begriffen eigentlich unbeschreiblich, weshalb den Erklärungen der chinesischen Philosophie immer das Paradoxe anhaftet. So kann vom Tao nicht gesagt werden, es besitze eine Existenz, denn das hieße, seine Nicht-Existenz oder Leere auszuschließen, doch sagte man, es existiere nicht, so würde man seine Erscheinung in der Fülle der manifestierten Welt leugnen. In den Begriffen der klassischen taoistischen Literatur erscheint das Tao als unergründlicher, weiter und ewiger reiner Geist - die Mutter des Kosmos, das ewige Wirkprinzip des Universums. Im "Auflösen" des scheinbaren Widerspruchs liegt die verborgene Harmonie des Paradoxen verborgen.

Auch ist es das alles Durchdringende, das Umfassende und das Ziel der Existenz; selbst Nichtsein, aber auch der Ursprung des Daseins. Es wirkt ohne Aktivität und Absicht, die Dinge gehen aus ihm hervor und erhalten ihre Ordnung. Das Tao verursacht jeglichen Wandel und ist doch selbst leer und ohne Aktivität. Es ordnet ohne zu herrschen und jedes Wesen und jedes Ding erhält und enthält in sich sein eigenes Tao, seinen eigenen Weg, weshalb es als weise angesehen wird, dem Tao zu folgen, indem man Nichthandeln (chin. Wu Wei) praktiziert, denn das Tao ordnet von selbst und man sollte in diese "natürliche" Ordnung nicht eingreifen. Nichteinmischung und reine, aufmerksame Beobachtung ist der Schlüssel zum Verstehen.

Das Tao ist am ehesten als ein umfassendes Weltprinzip zu verstehen, rein rational schier unzugänglich. Der Mensch sollte dies möglichst wenig durch bewusstes Handeln und Streben stören, sondern in mystisch-intuitiver Weise mit dem Gesetz im Einklang leben. Doch nicht nur der Mensch hat Teil am Tao, sondern jedes Ding und Wesen hat sein eigenes Tao, seinen eigenen Weg. Jedes Wesen ist auf seinem Weg einmalig in seinen Wandlungen und Entwicklungen. Durch den ständigen Fluss offenbart sich das Tao als Bewegung und Wandlung, die auf die Erfahrung von Existenz hindeutet und nicht auf das Verständnis starrer intellektueller Konzepte. In den Kommentaren zum I Ging wird dieses Urprinzip Tai Chi genannt. Das Tao als immanentes Prinzip, das alles Sein durchdringt, ist ein Prinzip der Wandlung und des Fließens, jedoch nicht in chaotischer Form, denn das Tao bewirkt auch die natürliche Ordnung der Dinge und die Wandlungen des Tao sind zyklisch. Das Tao ist ein Schlüsselprinzip für viele Bereiche der Wissenschaft und der Kunst (z.B. Kampfkunst, Medizin, Kriegskunst, Malerei, Kalligraphie).

In den japanischen Künsten ist die Namenssilbe DO neben ihrer wörtlichen Bedeutung "Weg" (weg in Form von "nicht da sein" aber auch in Form von "Lebensweg, Strecke"), auch ein Hinweis auf die spirituelle Dimension und den Einfluss des Tao auf die Praxis der einzelnen Budo- Disziplinen wie z.B. Judo, Kendo, Laido, Aikido, Bushido, Karate-Do etc. Durch die Auflösung bzw. Vereinigung (Synthese) der Gegensätze (These/Antithese) kann Tao und die verborgene Harmonie der Dinge erfahren werden - beschreiben lässt sich das Tao jedoch nur schwerlich.

So sei zum Schluss noch darauf hingewiesen, dass sich das Karate-Do nach "Außen" durch seine Technik (shosa) bzw. Form (Kata-Koshi) zeigt, und nach Innen als Charakterschulung bekundet. Wobei das "Außen", das nach Außen gestellte letztendlich auch im "Innen", im eigenen wahrnehmenden Bewusstsein liegt. Hierin liegt auch einer der Schlüssel zum Erlangen höherer Meistergrade für den praktizierenden Karateka verborgen, welcher sich der Technik nicht nur der Technik wegen befleißigt, sondern sie auch als eine "Wirkungsweise des Weges" (Do) versteht. Um es deutlicher zu sagen: die Technik (shosa - die rein physische Kunst) ist nicht nur zur Körperertüchtigung, sportliche Turniere oder für Gürtelprüfungen auszuführen, sondern im Sinne des Do auch als eine "Weise des Weges" (michi-suji :) zu praktizieren, und dieser Weg muss zwangsläufig, je nach eigener geistiger Reife, nach Innen führen. Alles andere muss sich in reiner Geschicklichkeit totlaufen, deren Ausführung durch das physische Altern des "Menschen" zeitlich begrenzt ist. Es ist nichts weiter als ein Bewegen des Körpers, von Armen und Beinen, aber es ist sicherlich keine tief schöpfende, wirkliche "Kampf"-Kunst.

3 hoch 4 = Tao Te King (Laotse, 81 Kapitel), 4 hoch 3 = I Ging (64 Kapitel)

M. Kupplmayr